Anders, aber gut !
Warum Ecken, Kanten und Eigenheiten das Leben interessanter machen.
Es gibt Dinge, die wirken auf den ersten Blick wie ein Missverständnis. Salz in der Schokolade zum Beispiel – wer kommt denn auf so eine Idee ? Oder die bayerische Goaßnmaß: Bier, Cola und ein Schuss Kirschlikör.
Klingt nach einem Versehen, schmeckt aber irgendwie ‘rund’.
Süß, herb, malzig, Gegensätze, die sich im Glas erstaunlich gut vertragen.
Gegensätze ziehen sich an – das scheint auch bei Essgewohnheiten zu stimmen.
Trotz anfänglicher Skepsis liebe ich mittlerweile Bitterschokolade mit Karamell und Salzkristallen. Die feine Salznote hebt die Süße hervor, der Kontrast macht den Geschmack erst spannend. Ungewohnt, aber gut.
Ich finde das ist eine schöne Metapher für vieles im Leben.
Für Begegnungen, für Veränderungen, für alles, was nicht sofort in unser Schema passt. Wir reagieren oft skeptisch auf das, was anders ist, bis wir lernen, genauer hinzuschauen.
Gegensätze, die sich ergänzen
In Schweden und Finnland gibt es Farbkombinationen, auf die wir hier bei uns gar nicht kämen:
Senfgelb und Graublau – warm trifft kühl, Sonne trifft Schatten.
Oder Petrol und Terracotta – Meer trifft Erde, Tiefe trifft Wärme.
Farben, die scheinbar nicht zusammenpassen, ergeben im Zusammenspiel etwas erstaunlich Schönes.
Kennen Sie den Eisbecherklassiker aus England: den Knickerbocker Glory.
Ein Glas voller Schichten: Vanille, Erdbeere, Himbeere, Sahne, Früchte, Sirup.
Ein kleines Chaos, das im Ganzen köstlich schmeckt.
Kein Bestandteil für sich perfekt, aber gemeinsam einfach … lecker.
Genau das passiert auch, wenn wir das Ungewohnte in unser Leben lassen.
Etwas Neues fühlt sich am Anfang fast immer fremd an.
Aber wenn wir uns die Zeit nehmen genau hinzusehen erkennen wir: das passt, das ergänzt sich, das ist ungewohnt, aber gut.
Manchmal verliebt man sich ausgerechnet in den Menschen, der so ganz anders ist als man selbst. Der Chaot trifft auf den Ordnungsfan, die Frühaufsteherin auf den Nachteulen-Typ, der Opernliebhaber auf die Heavy-Metal-Hörerin.
Und ähnlich ist es oft mit unseren Tieren.
Da sehen wir ein Tier, das so gar nicht dem entspricht, was wir uns vorgestellt hatten – eigentlich viel zu groß, zu schwarz, zu alt.
Und doch bleibt der Blick hängen, das Herz sagt Ja, und ehe man sich versieht, liegt genau dieses Tier auf dem Sofa – und aus „eigentlich nicht mein Typ“ wird ein Zuhause. Wir sitzen lächelnd daneben und in uns ist einfach nur Glück.
Das ist dann das Ergebnis von ‚einfach mal zulassen was passiert‘
Wir leben in einer lauten Welt.
Stille ist für viele Menschen irritierend.
Stille ist Pause, eine Lücke, auch eine Aufforderung sich mit sich selbst zu beschäftigen.
Tieren fällt es nicht schwer, Stille zuzulassen.
Wir sind es, die sie oft dauerbespaßen und das Gefühl haben, ständig etwas tun zu müssen.
Die Tiere hingegen schätzen gerade die Phasen, in denen scheinbar nichts passiert.
Ich sage scheinbar, weil genau das die Momente sind, in denen Verbindung entsteht.
Auch in der Tierkommunikation ist es oft die Stille, in der sich Vertrauen zeigt.
Nicht, weil etwas „passiert“, sondern weil wir da sind, ohne Druck, ohne Absicht, ohne Erwartung.
Vertrauen wächst, wenn man es nicht erzwingt.
Es gab im Laufe der Jahre viele Begegnungen mit Tieren, die Menschen zunächst als „schwierig“ beschrieben haben. Tiere, die keinen Kontakt aufnahmen, nicht auf Ansprache reagierten, sich zurückzogen – Distanz statt Nähe. Für HalterInnen ist das oft frustrierend und mit der Frage verbunden: Was mache ich falsch ?
Gar nichts, lautet die Antwort. Ganz im Gegenteil: Sie machen alles richtig, wenn Sie die Geduld aufbringen, nichts zu tun.
Das Tier einfach lassen. Nicht drängen, nicht locken, nichts erwarten.
Erst dadurch entsteht beim Tier ein gutes Gefühl und die Sicherheit, sich trauen zu dürfen.
Jedes Tier hat seine Eigenheiten.
Der Hund, der keine fremden Menschen mag.
Die Katze, die Nähe zeigt, indem sie auf Distanz bleibt.
Das Pferd, das kaum Emotionen zeigt und keinen Kontakt zulässt.
Manchmal stören uns solche Verhaltensweisen.
Wir wünschen uns Anpassung, Leichtgängigkeit, Harmonie.
Doch gerade die „Ecken“ und „Kanten“ zeigen uns, worum es wirklich geht: um Authentizität.
Auch wir Menschen haben sie, unsere Eigenheiten, unsere Ecken und Kanten.
Und genau sie machen uns aus, machen uns zu Individualisten.
Wer sich erlaubt, sie zu zeigen, lebt auf seine eigene Weise und vor allem im Einklang mit sich selbst.
Anderssein – braucht Mut und ist Stärke
Im Tierschutz begegnen mir immer wieder Individualisten.
Hunde, Katzen, Pferde und andere, die ihre Geschichte mitbringen und für sich Strategien entwickelt haben, um zu überleben.
Manche brauchen Struktur, Klarheit, andere Freiraum. Manche lassen Nähe erst zu, wenn sie sich sicher fühlen und vertrauen können. Ich habe gelernt: Kein Tier ist „komisch“, weil es anders reagiert.
Es reagiert sinnvoll – gemessen an seiner Erfahrung. Und wenn wir aufhören, Verhalten zu bewerten, beginnen wir zu verstehen.
Ungewohnt, aber gut
Wir brauchen häufiger mehr Mut, das Ungewohnte willkommen zu heißen.
Mehr Offenheit für neue Kombinationen, neue Wege, neue Perspektiven.
Mehr Pink und Grün, mehr Vielfalt, weniger Schubladen und vor allem: weniger festgefahrene Strukturen.
Es ist wie mit dem Knickerbocker Glory oder der Schokolade mit Salz:
Das Geheimnis liegt in der Mischung.
Nicht alles passt auf den ersten Blick, aber das Ergebnis kann ganz fantastisch sein.
Ganz und gar unerwartet, ungewohnt, aber gut.
Und oft genügt ein Perspektivwechsel, um zu erkennen:
„Anders“ ist ungewohnt, aber spannend, um es zu entdecken, denn in der Vielfalt liegt die Chance, Neues zu entdecken – bei uns, bei anderen und bei unseren Tieren.
Tierisch gesehen ist es also ganz einfach:
Tiere sind, wie sie sind, authentisch und immer so wie sie sich jetzt gerade fühlen, ohne sich erklären zu müssen.
Menschlich betrachtet dürfen wir genau das wieder lernen:
Dass Anderssein kein Fehler ist, sondern eine Form der Selbst-Sicherheit.

