Von Walen, Whippets und Wölfen
Der Wal vor Poel bewegt gerade viele Menschen.
Gut so. Und es lohnt sich, kurz innezuhalten und zu fragen: warum eigentlich ?
Ein einzelnes Tier, sichtbar, greifbar, hilflos vor unserer Haustür, löst mehr Mitgefühl aus als das abstrakte Leid von Tausenden. Das ist keine Kritik. Das ist menschlich. Unser Mitgefühl braucht ein Gesicht, eine Situation, einen konkreten Begriff.
Wir geben einen Namen und haben einen Bezug zu diesem einen Wal.
Wale stehen in unserem kollektiven Bewusstsein für etwas Großes:
Sanftheit, Weisheit, unberührte Natur. Seit mehr als 50 Millionen Jahren durchqueren sie die Ozeane, lange bevor es Menschen gab. Manche Arten werden über 200 Jahre alt.
Kein Wunder, dass sie die Menschen seit jeher faszinieren. Die Inuit sahen in ihnen heilige Geister, die Maori die Urväter aller Arten, die Haida spirituelle Führer. Für uns heute stehen sie für das Ursprüngliche, das wir gerade dabei sind zu verlieren.
Wenn ein Wal stirbt, fühlt es sich an wie ein Scheitern. Vielleicht ist er ein Spiegel für unsere eigene Hilflosigkeit. Ein Lebewesen, das strandet, weil die Welt um es herum aus dem Gleichgewicht geraten ist. Vielleicht erinnert es uns an unser eigenes Stranden in Sachen Umweltschutz.
Täglich sterben Wale und Delfine. Ungesehen, lautlos, weit draußen auf dem Meer. Kein Aufschrei, keine Schlagzeile. Dieser Wal liegt vor unserer Haustür. Das ist der Unterschied.
Ich wünsche mir, dass er überlebt.
Dass er zurück in tiefes Wasser gelangt und davonschwimmt. Aber selbst wenn das nicht gelingt, dann soll er wenigstens das dürfen, was jedem Lebewesen zustehen sollte: in Ruhe und Würde, in seinem eigenen Lebensraum sterben.
Die Spitze des Eisberges ist nur ein kleiner, sichtbarer Teil.
Die unbequeme Frage darf trotzdem sein.
Die Anteilnahme ist groß. Social Media kocht über. Und irgendwo in dieser Welle der Empörung bestellt jemand Pizza Thunfisch.
Das ist keine Anklage. Das ist einfach ein Gedanke.
Thunfischfang bedeutet Beifang. Delfine, Schildkröten, andere Meerestiere, die niemand will und die niemand vermisst, weil sie nicht vor einer deutschen Insel stranden. Sie verschwinden still.
Wer dem Wal helfen will, darf sich diese Frage stellen: Was landet bei mir selbst auf dem Teller ?
Retten allein genügt nicht.
Das ist unsere Devise im Ehrenamt. Und sie gilt überall.
Wer einen Hund aus dem Auslandstierschutz holt, rettet nicht einfach ein Tier und wendet sich dem nächsten zu. Die Verantwortung beginnt in dem Moment, in dem der Hund aus einer misslichen Lage geholt wird. Sie hört nicht auf. Vorbesuche, Nachbesuche, ein offenes Ohr bei Sorgen und Fragen, da sein für Mensch und Tier. Und bei dem Wal ?
Wenn er gerettet ist, beginnt die eigentliche Aufgabe.
Denn die Ursachen bleiben. Wale und Delfine orientieren sich über ein hochentwickeltes biologisches System, ähnlich einem inneren Radar. Militärische und zivile Sonarsignale stören dieses System massiv. Tiere verlieren die Orientierung, stranden, sterben.
Die Rettung ist wichtig. Was danach kommt, aber ebenso.
Ich habe mich gefragt: Brauchen wir wirklich erst einen Sonderbeschluss, damit geholfen werden darf ? Wann haben wir aufgehört, Beistand für ein Lebewesen in Not als selbstverständlich zu betrachten ?
Der gestrandete Wal ist vielleicht auch ein Zeichen. Für das Versagen eines Schutzes, der auf dem Papier existiert, aber an der Küste vor Poel auf einen Beschluss angewiesen war.
Empathie ist wichtig, aber sie braucht einen Kanal.
Ich erlebe es immer wieder: Jemand engagiert sich, schaut hin, fühlt mit. Und irgendwann ist das Leid zu viel. Massentierhaltung, Aquakultur, Lachse in engen Becken, Hühner ohne Tageslicht, Kälber, die sofort nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt werden. Das Leid ist allgegenwärtig. Es hört nicht auf.
Und dann trifft jemand die Entscheidung:
Ich halte das nicht mehr aus. Ich ziehe mich zurück.
Das verstehe ich. Und gleichzeitig schmerzt es mich. Denn mit jedem Menschen, der geht, verliert der Tierschutz eine engagierte Stimme.
Empathie ist der erste Baustein, aber es braucht viele andere, damit die Basis des Engagements stimmt. Wer alles auf einmal tragen will, bricht irgendwann zusammen. Wer sich einen Bereich sucht, in dem er wirklich etwas bewegen kann, hat den längeren Atem.
Ob Wal oder Wolf, Whippet, Dackel oder Delphin.
Tiere kommunizieren. Sie zeigen, was ihnen fehlt, was sie brauchen, was sie bewegt. Wir müssen nur bereit sein, hinzuschauen und zuzuhören. Jede und jeder kann etwas tun.
Im eigenen Radius, mit den eigenen Möglichkeiten. Aktiv oder im Hintergrund, laut oder leise. Den eigenen Konsum hinterfragen. Eine Organisation unterstützen. Aufmerksam sein. Zuhören.
Hauptsache: engagiert bleiben.
Audio anhören
Tierisch gesehen …
wissen Tiere sehr genau, wer es ernst meint. Und wer nur dabei ist, weil gerade alle dabei sind.
Menschlich betrachtet …
wäre schon viel gewonnen, wenn jeder das tut, was in seinen Möglichkeiten steht. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Wenn Sie weitere Audiobotschaften hören möchten,
tragen Sie sich in den ⇒ cc-Infobrief ein.
Jeden zweiten Freitag im Monat erwartet Sie ein neues Thema,
aus tierischer und menschlicher Sicht.
